· 

Telefonkarten gegen den Corona-Schiffskoller - Unterwegs mit der Seemannsmission Hamburg Harburg

Hamburg.

„Du musst dir unbedingt einen Helm und Handschuhe anziehen. Könnte gefährlich und dreckig auf der Reling werden!“

Ich löse den Blick vom Bücherregal, in dem Bibeln in den verschiedensten Sprachen sauber nebeneinander aufgereiht stehen und schaue zu Julia hinüber.

 

„Aye Aye ma’am. Bereit, wenn du es bist!“, werfe ich Julia entgegen, die mit einem Kichern den Helmverschluss auf ihre Kopfgröße anpasst.

 

Ich stehe in der Wintergartenbibliothek des Duckdalben, einem 1986 eröffneten Club der Seemannsmission Hamburg Harburg. Eigentlich kehren hier jährlich einige Tausend Seefahrer von Container-Schiffen ein, die im Hamburger Hafen aus- oder umgeladen werden. Hauptsächlich finanziert durch die Hamburg Port Authority, Spenden und Zuwendungen gibt es dort neben einem Kiosk mit Speisen und Getränken auch viele Freizeitaktivitäten wie z.B. Billardtische und Karaoke im Angebot. Der im 1. Stock eingerichtete Andachtsraum mit kleinen Altaren unterschiedlichster Religionen zeugt vom friedvollen Miteinander in der internationalen Seefahrt. „Geprügelt hat sich hier all die Jahre noch keiner“, hatte mir Jan Oltmanns, einer der beiden Seemansdiakone und der heutige Schichtleiter, bei meiner Ankunft stolz erklärt.

 

Seit Corona dürfen aber viele Seeleute aufgrund der jeweiligen Reedereibestimmungen die Schiffe über Monate hinweg quasi nicht verlassen. Also fahren die zahlreichen Mitarbeiter, Bundesfreiwilligen und Ehrenamtlichen des Duckdalben direkt an die Docks zu den Schiffen, um so die Seeleute zumindest mit dem Allernötigsten zu versorgen. Bei solch einer Versorgungsfahrt darf ich heute Julia Hagenstein begleiten. 

 

Julia verbrachte schon als Kind aufgrund der ärztlichen Tätigkeit ihres Vaters im Bereich der Seefahrt viel Zeit im Club. Nachdem sie ihren Bundesfreiwilligendienst im Duckdalben absolvierte, hilft sie nun neben ihrem Personalmanagement-Studium als Ehrenamtliche von Zeit zu Zeit dort aus. „Der Club ist für mich wie ein zweites zu Hause. Gefühlt habe ich mein halbes Leben hier verbracht“, erzählt sie und zeigt mir stolz Fotos, auf denen sie als Kind zwischen Seeleuten unterschiedlichster Nationen an einem Tisch sitzt. 

 

Heute steht die Anfahrt von zwei Schiffen auf unserem Zettel, auf denen Seeleute um den Verkauf von ein paar internationalen Telefonkarten gebeten haben. Mit diesen erhalten sie an den angelaufenen Häfen ein bestimmtes Kontingent an Internet-Datenvolumen für ihr Mobiltelefon. Für viele oft die einzige Möglichkeit, auf ihren Monate langen Fahrten Kontakt zu Freunden und Familie in der Heimat zu halten.

„Wir würden selbst für eine einzige Karte ein Schiff anfahren. Ist doch Ehrensache“, sagt Julia zu mir, als sie die bestellten Karten in den Missionsrucksack steckt.

 

Mit dem grünen „Kermit“, einem der vielen Missionsbusse, machen Julia und ich uns anschließend auf den Weg zum Gate. Auf der Fahrt erzählt mir Julia ein bisschen mehr über den Ablauf an den Schiffen.

„Wichtig ist, dass man nicht einfach nur die bestellten Dinge verkauft und möglichst schnell wieder geht. Vor Corona wurden wir manchmal sogar zum Essen eingeladen, aber das geht jetzt natürlich nicht mehr. Ein bisschen Small-Talk ist aber trotzdem absolute Pflicht, denn oft ist das hier der einzige echte Kontakt zu Außenstehenden“, betont sie. Julia zwinkert mir zu. „Auf Englisch, natürlich!“

 

Nachdem wir bei der Pforte alle Besucherunterlagen ausgefüllt haben, geht es an nicht enden wollenden Container-Reihen und selbstfahrenden LKWs vorbei. Während schräg über uns ein Kran unentwegt Container be- und entlädt, erreichen wir zu Fuß über eine extrem wackelige Brücke und einem kleinen Sprung die Reling des ersten Schiffs. Dort werden von einem vermummten Crew-Mitglied begrüßt und in den Besucherraum geführt. Klein, dunkel und sporadisch eingerichtet. An den Wänden hängen ein Rauch-Verboten-Schild, technische Zeichnungen des Schiffs und Zettel mit Hygienevorschriften.

Manche Seeleute sind bekanntlich zunächst etwas misstrauisch, wenn Fremde an Bord kommen. Aber mit gekonnten Fragen schafft es Julia innerhalb kürzester Zeit eine Gesprächsebene zu finden. Diese Offenherzigkeit sei zwingend notwendig, denn wie mir Julia später verrät, begegne man sich extrem selten noch ein zweites mal.

„How long do you stay here in Hamburg? - Wie lange bleibt Ihr hier in Hamburg? What is your next country? - Welches Land fahrt Ihr als nächstens an?“

Nach ein paar Minuten bekommt der Seemann seine bestellten Telefonkarten.

„So, you ordered telephone cards. Do you want to pay in Euro? Or Dollar? - Du hast Telefonkarten bestellt. Möchtest Du in Euro bezahlen? Oder in Dollar?“

 

Auf dem zweiten Schiff sind die Corona-Bestimmungen sogar so streng, dass wir auf der Reling bleiben müssen und nur durch die Tür mit den Crew-Mitgliedern sprechen können. 

Einer der beiden erzählt, er sei nun schon seit 5 Monaten ununterbrochen auf dem Schiff. „Just another month before we finally go home - Nur noch einen Monat bevor wir endlich nach Hause fahren“. 

„Do you have a family at home waiting for you? - Hast Du Familie zu Hause, die auf Dich wartet?“, frage ich ihn. „Of course - natürlich“, erwidert er und fügt glücklich hinzu: „One month - ein Monat!“

Als ich einige Stunden später vom Duckdalben nach Hause fahre, schwirren mir immer noch die Worte der Seeleute im Kopf herum. 6 Monate, getrennt von Familie und Freunden, gefangen auf einem schwimmenden Eisenmonster. Eine harter Job. 

 

Vielen Dank an Julia Hagelstein und das Duck Dulben (https://duckdalben.de/?happy-birthday-duckdalben), dass ich bei diesem spannenden Tag dabei sein durfte ;-)

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Papa Ben (Montag, 30 August 2021 20:09)

    Vielen Dank für die interessante Reportage über die unscheinbare und doch so wichtige Enrichtung.

  • #2

    Benedikt Brecht (Montag, 30 August 2021 20:15)

    @Papa Ben
    Vielen lieben Dank für das Lob! Freut mich, dass Dir die kleine Reportage gefällt ;-)
    Liebe Grüße